Island in seiner ursprünglichsten Form
Island im Winter – das klingt für viele zunächst nach einer verrückten Idee. Aber genau in dieser Jahreszeit zeigt sich die Insel von ihrer beeindruckendsten Seite. Während im Sommer die Touristenströme über die Insel ziehen, erlebt man im Winter ein ganz anderes Island: ursprünglich, ruhig und mit einer Atmosphäre, die einen nicht mehr loslässt.
Wir waren Ende Februar für 8 Tage in Island unterwegs und haben uns auf den Süden und Westen der Insel konzentriert. Die komplette Ringstraße erschien uns im Winter zu lang und vor allem wegen der Straßenverhältnisse zu unsicher. Eine Winterreise nach Island erfordert definitiv eine gute Vorbereitung – aber die Mühe lohnt sich.
In diesem Artikel teile ich unsere Erfahrungen und alles, was du für eine sichere Winterreise nach Island wissen solltest: vom Autofahren bei Eis und Schnee über die wichtigsten Vorbereitungen bis zu praktischen Tipps aus erster Hand.
Autofahren im Winter: 4×4 und Spikes
Das richtige Fahrzeug
Für den Winter in Island empfehle ich dringend ein Allradfahrzeug (4×4). Wir hatten einen 4×4 und waren froh darüber. Die Straßenverhältnisse können sich schnell ändern, und auch wenn die Ringstraße im Winter grundsätzlich befahrbar ist, gibt es immer wieder schwierige Abschnitte.
Spikereifen sind wichtig
Winterreifen mit Spikes sind im isländischen Winter Pflicht – und das aus gutem Grund. Die Straßenverhältnisse können sich innerhalb weniger Kilometer komplett ändern. Auf trockener Straße kann es plötzlich spiegelglatt werden, oder du fährst durch einen Schneesturm. Spikereifen geben dir auf vereistem Untergrund den nötigen Grip.
Die gute Nachricht: Alle Mietwagen sind im Winter (November bis März/April) automatisch mit Winterreifen ausgestattet. Die meisten Vermieter haben Spikereifen entweder standardmäßig oder bieten sie auf Anfrage an. Frag bei der Buchung explizit danach.
Fahrstil anpassen
Das Fahren auf isländischen Winterstraßen ist gewöhnungsbedürftig. Auch mit Spikes und Allrad solltest du langsamer fahren als gewohnt. Schwarzes Eis (unsichtbare Eisplatten auf der Straße) ist besonders tückisch.Wir haben schnell gelernt, dass Geduld und Vorsicht wichtiger sind als Zeitpläne.

Straßenverhältnisse checken – jeden Tag!
Das war für mich eine der wichtigsten Lektionen der Reise: Du musst jeden Tag die aktuellen Straßenverhältnisse und die Wettervorhersage checken! Das ist nicht optional, sondern absolut notwendig.
Die wichtigsten Websites und Apps:
road.is (oder umferdin.is) – Das isländische Straßenverkehrsamt
- Zeigt in Echtzeit die Straßenverhältnisse im ganzen Land
- Farbcodiert: Grün = gut befahrbar, Gelb = schwierig, Orange = sehr schwierig, Rot = gesperrt
- Webcams an vielen Stellen zeigen die aktuellen Verhältnisse
- Checke das vor jeder Fahrt – die Bedingungen können sich stündlich ändern
vedur.is – Das isländische Wetteramt
- Zuverlässige Wettervorhersagen für alle Regionen
- Zeigt Windgeschwindigkeiten, Temperatur, Niederschlag
- Wetterwarnungen in verschiedenen Stufen
- Auch der Aurora-Forecast für Nordlichter ist hier zu finden
- Sicherheitsinformationen und Reisewarnungen
- Notfallkontakte
112 Iceland App
- Notruf-App, die automatisch deinen GPS-Standort übermittelt
- Du kannst deinen Reiseplan eintragen
- Lade diese App unbedingt vor der Reise herunter
Unsere Erfahrung:
Wir haben jeden Morgen die Straßenverhältnisse gecheckt und dann entschieden, wohin wir fahren. An einem Tag waren Strecken, die wir nehmen wollten, plötzlich orange oder rot markiert – wir haben dann einfach umdisponiert. Das war manchmal etwas frustrierend, aber definitiv die richtige Entscheidung. Die Isländer nehmen diese Warnungen sehr ernst, und das sollte man auch.
Grödel für die Schuhe – ein absolutes Muss
Eine der wichtigsten Erkenntnisse unserer Reise: Investiere unbedingt in Grödel oder Schuhspikes!
Die Wege zu vielen Sehenswürdigkeiten, Wasserfällen und Aussichtspunkten waren komplett vereist. Mit normalen Winterschuhen – selbst mit gutem Profil – war es teilweise wirklich schwierig, sicher zu laufen. Blankes Eis, oft mit einer dünnen Schneeschicht darüber, die es noch rutschiger macht.
Was sind Grödel? Grödel (auch Schuhkrallen oder Ice Grips genannt) sind kleine Metallspikes, die man über die Schuhe zieht. Sie geben dir auf Eis sicheren Halt und kosten meist nur 15-30 Euro.
Wir hatten leider keine Grödel dabei und haben es mehrfach bereut. An manchen Wasserfällen konnten wir nur vorsichtig bis zu einem gewissen Punkt gehen und mussten dann umkehren, weil es einfach zu rutschig wurde. Das würden wir beim nächsten Mal definitiv anders machen.
Tageslicht im Winter: Mehr als man denkt
Ein wichtiger Aspekt bei einer Winterreise nach Island ist die Frage des Tageslichts. Viele schrecken vor Island im Winter zurück, weil sie denken, es sei den ganzen Tag dunkel. Das stimmt so nicht.
Die Helligkeit Ende Februar
Wir waren Ende Februar in Island, und die Lichtverhältnisse waren deutlich besser als erwartet. Zu dieser Zeit hat man bereits etwa 9-10 Stunden Tageslicht – genug, um einiges zu unternehmen und zu sehen.
Sonnenaufgang: Gegen 8:30 Uhr Sonnenuntergang: Gegen 18:30 Uhr Dämmerung: Die blaue Stunde vor Sonnenaufgang und nach Sonnenuntergang verlängert die nutzbare Zeit zusätzlich
Tageslicht je nach Monat
Die Lichtverhältnisse variieren stark je nach Reisemonat:
November und Februar: Ca. 6-7 Stunden Tageslicht – schon deutlich besser als der tiefe Winter
Dezember und Januar: Nur 4-5 Stunden Tageslicht – die dunkelste Zeit. Man kann trotzdem Dinge unternehmen, sollte aber die kurzen Tage gut planen.
März: Bereits wieder 10-11 Stunden Tageslicht – fast schon wie Normalzustand
Ende Februar war für uns ein guter Kompromiss: Genug Licht für Tagesaktivitäten und trotzdem lange, dunkle Nächte für die Nordlichter.
Die Planung anpassen
Die kürzeren Tage bedeuten einfach, dass man seine Tagesplanung anpassen muss. Wir haben uns angewöhnt:
- Später zu starten (kein Grund, vor 8 Uhr aufzustehen)
- Die Hauptaktivitäten in die Tageslichtzeit zu legen
- Längere Fahrten zu vermeiden, die uns nach Einbruch der Dunkelheit erwischen würden
- Die Dämmerung zu nutzen – das Licht ist oft besonders schön
Ein Vorteil: Das Licht im Winter ist für Fotos fantastisch. Die Sonne steht tief, was für weiches, goldenes Licht sorgt. Die Landschaft wirkt dadurch noch dramatischer.
Nachtfahrten vermeiden
Wir haben versucht, Nachtfahrten weitestgehend zu vermeiden. Bei Schnee, Eis und Dunkelheit wird das Fahren noch anspruchsvoller, und man sieht die schöne Landschaft nicht. Die meisten unserer Fahrten haben wir so geplant, dass wir vor Einbruch der Dunkelheit am Ziel waren.
Ausnahme: Nordlichtjagd!

Route: Süden und Westen statt komplette Ringstraße
Wir haben uns bewusst gegen die komplette Ringstraße entschieden und sind nur im Süden und Westen geblieben. 8 Tage sind für die komplette Ringstraße im Winter zu knapp. Man fährt langsamer, die Tage sind kürzer, und man sollte Puffertage einplanen. Der Norden und Osten sind im Winter oft von schwierigen Bedingungen und Sperrungen betroffen.
Was wir gesehen haben:
- Golden Circle: Þingvellir, Geysir, Gullfoss (alles gut im Winter erreichbar)
- Südküste: Seljalandsfoss, Skógafoss, Reynisfjara Black Sand Beach, Vik
- Jökulsárlón Gletscherlagune: Beeindruckend im Winter mit den Eisbergen
- Reykjavik: Die Hauptstadt als Ausgangspunkt
- Snæfellsnes Peninsula: Wunderschön und weniger touristisch
Diese Route war für unsere 8 Tage genau richtig. Wir haben viel gesehen, ohne uns zu hetzen oder unnötige Risiken einzugehen.
Nordlichter: Ein besonderes Erlebnis
Wir haben Nordlichter gesehen – und es war wirklich etwas Besonderes.
Es ist schwer zu beschreiben, wie es sich anfühlt, wenn der Himmel plötzlich anfängt, in Grün zu leuchten und sich die Lichter wie Vorhänge im Wind bewegen. Wir standen lange in der Kälte und konnten einfach nicht aufhören zu schauen.
Tipps für die Nordlichter:
Timing: November bis März sind die besten Monate. Ende Februar hatten wir gute Bedingungen.
Aurora-Vorhersage: Auf vedur.is gibt es eine Aurora-Vorhersage mit einer Skala von 0-9. Ab Wert 3-4 stehen die Chancen gut.
Wolken beachten: Auch bei hoher Aurora-Aktivität sieht man nichts, wenn es bewölkt ist. Die Wolkenkarte auf vedur.is zeigt, wo der Himmel klar ist.
Foto machen: Sind die Nordlichter noch schwach sieht man sie mit bloßem Auge meist nicht. Daher bei Verdacht erstmal ein Foto mit Kamera oder Handy machen und dann schauen. Wir hätten Sie fast verpasst, weil wir dachten da wäre zuerst nichts.
Lichtverschmutzung: Fahr raus aufs Land, weg von Straßenlaternen und Ortschaften.
Geduld: Manchmal dauert es, bis man etwas sieht. Wir haben teilweise eine Stunde oder länger gewartet.
Warm anziehen: Du wirst lange draußen in der Kälte stehen. Thermounterwäsche, mehrere Schichten, warme Schuhe, Handschuhe, Mütze sind wichtig.
Wir haben die Nordlichter zweimal gesehen. Einmal relativ schwach in der Nähe von Reykjavik. Ein anderes Mal direkt vor unserem Hotel.

Die Landschaft im Winter
Was Island im Winter besonders macht, ist der Kontrast der Landschaft. Die Mischung aus weißem Schnee, schwarzem Lavagestein und den braun-grauen Felsen schafft eine besondere Atmosphäre. Island ist wirklich das Land aus Feuer und Eis – und im Winter spürt man das sehr deutlich.
Die gefrorenen Wasserfälle waren für uns besonders beeindruckend. Riesige Eiszapfen hängen von den Felsen, während oft noch ein Teil des Wasserfalls tosend hinunterstürzt. Dieser Mix aus Bewegung und Stillstand hat etwas Faszinierendes.
Weitere wichtige Tipps
Langsam fahren: Auch mit Spikes und Allrad – fahr langsamer als du denkst!
Windwarnungen ernst nehmen: Isländischer Wind ist nicht zu unterschätzen. Bei Sturmwarnungen besser drinnen bleiben.
Immer vollgetankt: Tankstellen sind weit auseinander, und im Winter können manche geschlossen sein.
Notfallausrüstung: Decken, warme Kleidung, Snacks und Wasser im Auto haben.
Flexibel bleiben: Das Wetter bestimmt deine Route. Sei bereit, Pläne zu ändern.
Respekt vor der Natur: Island im Winter ist wunderschön, aber man sollte die Bedingungen nicht unterschätzen.
Fazit: Eine Reise, die sich lohnt
Island im Winter zu bereisen war eine beeindruckende Erfahrung. Ja, es war herausfordernd. Wir mussten flexibel sein, Pläne ändern und manchmal im Auto auf besseres Wetter warten.
Aber die besonderen Momente haben alles wettgemacht: Die Nordlichter. Die oft menschenleeren Sehenswürdigkeiten. Die eindrucksvolle Landschaft im Winterlicht. Die Ruhe, die man im Sommer wahrscheinlich nicht erleben würde.
Wenn du gut vorbereitet bist, flexibel bleibst und die Natur respektierst, ist Island im Winter eine wirklich besondere Erfahrung. Die Ruhe, die Landschaft und die Atmosphäre sind einzigartig.
Würden wir es nochmal machen? Ja, definitiv. Aber diesmal mit Grödeln.
FAQ – Häufige Fragen zu Island im Winter
Ist Island im Winter gefährlich? Nicht grundsätzlich, aber es erfordert gute Vorbereitung. Wer die Wetter- und Straßenverhältnisse checkt, langsam fährt, ein geeignetes Fahrzeug hat und Warnungen ernst nimmt, kann Island im Winter gut bereisen. Die Infrastruktur ist gut, und es gibt fast überall Mobilfunkempfang.
Braucht man zwingend Spikereifen? Winterreifen sind gesetzlich Pflicht. Spikereifen sind sehr empfehlenswert und geben auf Eis deutlich besseren Grip. Die meisten Mietwagen haben sie im Winter entweder automatisch oder auf Anfrage.
Was sind Grödel und braucht man die wirklich? Grödel (Schuhspikes) sind Metallspitzen, die man über die Schuhe zieht. Ja, man braucht sie wirklich. Viele Wege sind komplett vereist, und ohne Grödel kommt man oft nicht sicher weiter. Sie kosten 15-30 Euro und sind eine wichtige Investition.
Wie oft muss man die Straßenverhältnisse checken? Jeden Morgen vor der Fahrt und idealerweise nochmal unterwegs bei längeren Strecken. Die Bedingungen können sich schnell ändern. road.is ist deine wichtigste Website.
Sieht man im Winter garantiert Nordlichter? Nein, es gibt keine Garantie. Die Chancen sind von November bis März gut, aber es braucht klaren Himmel, hohe Aurora-Aktivität, Dunkelheit und Geduld. Wir hatten Glück und haben sie zweimal gesehen.
Wie viel Tageslicht hat man im Winter? Das hängt vom Monat ab:
- November/Februar: ca. 6-7 Stunden
- Dezember/Januar: nur 4-5 Stunden
- Ende Februar: bereits 9-10 Stunden
- März: schon wieder 10-11 Stunden
Ende Februar war für uns ein guter Zeitpunkt – genug Licht für Aktivitäten und trotzdem lange Nächte für Nordlichter.
Ist die Ringstraße im Winter komplett befahrbar? Grundsätzlich ja, aber Teilstrecken können bei schlechtem Wetter gesperrt werden. Der Norden und Osten sind schwieriger als Süden und Westen. Für 7-10 Tage ist es sinnvoller, sich auf eine Region zu konzentrieren.
Welche Kleidung braucht man? Zwiebelprinzip ist wichtig: Thermounterwäsche, Fleecejacke, wind- und wasserdichte Außenjacke, warme und wasserdichte Schuhe, warme Socken, Handschuhe, Mütze, Schal. Für Nordlichtjagd extra warme Kleidung einpacken.
Kann man im Winter campen in Island? Ja, aber viele Campingplätze sind geschlossen. Man braucht einen gut isolierten und beheizbaren Camper. Wildcampen ist im Winter sehr anspruchsvoll. Viele entscheiden sich für Unterkünfte oder Gästehäuser.
Wie teuer ist Island im Winter? Günstiger als im Sommer. Mietwagen, Unterkünfte und Flüge sind oft deutlich billiger. Essen und Benzin bleiben teuer. Budget für 8 Tage: etwa 1.500-2.500 € pro Person (mit Mietwagen, Unterkunft, Essen, ohne Flug).
Sind die Sehenswürdigkeiten im Winter zugänglich? Die meisten Hauptsehenswürdigkeiten im Süden sind zugänglich. Hochlandstraßen (F-Roads) sind komplett gesperrt. Einige Nebenstrecken können geschlossen sein. Vorher auf road.is checken.
Braucht man einen Allradantrieb? Nicht gesetzlich verpflichtend für die Ringstraße, aber sehr empfehlenswert. Allrad gibt deutlich mehr Sicherheit auf Schnee, Eis und bei Wind. Wir hatten einen 4×4 und waren froh darüber.
Was macht man bei schlechtem Wetter? Flexibel sein und Pläne ändern. Manchmal heißt es einfach: drinnen bleiben, heiße Schokolade trinken, warten. Island hat auch Indoor-Aktivitäten: Museen, Hot Pots (heiße Quellen im Schnee sind toll!), gemütliche Cafés. Puffertage einplanen ist wichtig.
Lohnt sich Island im Winter oder lieber im Sommer? Beides hat seine Vorteile. Sommer: längere Tage, grünere Landschaft, alle Straßen offen, einfacher zu bereisen. Winter: Nordlichter, weniger Touristen, besondere Atmosphäre, gefrorene Wasserfälle, eindrucksvolle Stimmung. Wir fanden den Winter sehr lohnenswert.
